Schicksalhafte Begegnung

6. Januar 2010

Glauben Sie an eine schicksalhafte Begegnung? Nein? Dann lesen Sie doch einfach die folgende, wahre Geschichte, die sich in der ehemaligen DDR zugetragen hat.

Meine Nichte lebte (und lebt bis heute) mit ihrer Familie in einer Kleinstadt in Sachsen. Zur Entbindung ihres zweiten Kindes ging sie ins nahegelegene Krankenhaus. Zur gleichen Zeit war noch eine Mutter auf der Entbindungsstation und beide wurden beinahe zur gleichen Zeit von einem Jungen entbunden – sie waren an diesem Tag die einzigen jungen Mütter. Nach der Geburt wurde meiner Nichte das Kind, wie es üblich war, nur kurz gereicht und sie sah es.

Am nächsten Tag brachte man ihr das Kind zum Stillen und sie sagte sofort, „Das ist nicht mein Kind“. Die Schwester war empört über diese Äußerung und verwies auf das Bändchen, das jedes Kind nach der Geburt um das Handgelenk bekommt und das eine Verwechslung unmöglich macht. Außerdem hätte es ja die richtige Kleidung an, die sie selbst mitgebracht hatte. Das Bändchen gab den richtigen Namen an, die Kleidung stimmte. Zweifel bleiben bei meiner Nichte trotzdem. Von allen Seiten wurde nun auf sie eingeredet, auch die Ärztin schaltete sich ein und wies eine Verwechslung energisch zurück. Was blieb meiner Nichte anderes übrig, als mit dem Baby nach Hause zu gehen. Auch die andere Frau, die zur gleichen Zeit entbunden hatte, verließ das Krankenhaus. Sie wohnte auf einem Dorf in der Nähe der Kleinstadt.

So vergingen zehn Monate und jede versorgte ihr Kind. Dann kam es zu der schicksalhaften Begegnung. Meine Nichte schob ihren Sohn im Kinderwagen an einem Wochentag gegen 14 Uhr über den örtlichen Marktplatz und begegnete der anderen Mutter, mit der sie gemeinsam auf der Entbindungsstation gelegen hatte. Auch sie hatte ihr Kind dabei. Beide unterhielten sich und meine Nichte erfuhr, dass die andere das erste Mal mit ihrem Baby in der Stadt war und das auch nur, weil ihre Mutter keine Zeit gehabt hatte, sich um das Kind zu kümmern und sie es also notgedrungen mitgenommen hatte. Nun wurden die Kinder begutachtet. Als meine Nichte den anderen Jungen sah, rief sie spontan, „Das ist mein Baby! Jetzt weiß ich es genau, die Kinder sind vertauscht worden!“ Die andere Dame war empört und ließ meine Nichte stehen. Vollkommen aufgeregt über diese Begegnung erzählte meine Nichte ihrem Mann, dass sie sich über den Kindertausch nun sicher sei. Der war erst skeptisch und sagte, sie solle sich die Sache gut überlegen, denn leicht würde der Kampf gegen die Behörden sicher nicht werden. Meine Nichte aber wollte eine Entscheidung erzwingen und wandte sich zuerst an das Krankenhaus. Als sie dort wieder von ihrem Verdacht berichtete, drohte man ihr mit der Polizei und einer Anzeige wegen Verleumdung.

Sie musste sich einen Rechtsanwalt nehmen. Der erste lehnte das Mandat ab, die Sache war ihm zu heikel, auch ein zweiter wollte sich nicht mit den Behörden anlegen. Erst der dritte Anwalt war bereit, die Sache gemeinsam mit meiner Nichte durchzufechten. Er wollte per Gerichtsbeschluss ein erbbiologisches Gutachten erzwingen – damals ein aufwändigeres Verfahren als heute. Die Klage wurde dem Gericht eingereicht. Nach einer gewissen Zeit des Wartens erging ein Gerichtsbeschluss, dass ein erbbiologisches Gutachten zu erstellen sei und zwar in einem bestimmten Krankenhaus in Dresden. Nun kam die Sache ins Rollen. Es mussten folgende Personen zur Blutabnahme: beide Kinder, beide Elternteile, beide Großelternteile. Meine Schwester (eine Kriegerwitwe, ja, wir sagten Krieger- und nicht Kriegs-witwe), musste extra aus dem Westen nach Dresden zur Blutabnahme anreisen, die unter polizeilicher Aufsicht statt fand. Wieder verging Zeit, bis das Gutachten erstellt war. Meine Nichte war sehr zuversichtlich und davon überzeugt, dass sie recht behalten würde. Und tatsächlich: das Gutachten bescheinigte eine 95% Wahrscheinlichkeit, dass die Babys vertauscht worden waren.

Nun wurde ein Termin für die Rücktauschaktion vereinbart. Für beide Mütter war es ein schwerer Tag, hatten sie doch beide eine enge Beziehung zu den Kindern aufgebaut. Doch bevor die Kinder nun übergeben wurden, mussten beide Mütter ein Schriftstück unterschreiben, das ihnen eine strafrechtliche Verfolgung in Aussicht stellte, sollten sie jemals die Presse oder sonst jemanden über die Verwechslung informieren. So wurde damals mit den Leuten umgegangen. Natürlich haben beide unterschrieben, wer wollte schon zur Umerziehung nach Bautzen? Bei dieser Aktion war ganz sicher die Stasi im Spiel – sie wussten genau, dass die DDR-Presse so etwas nicht veröffentlichen würde (In der DDR passiert doch keine Verwechslung bei einer Entbindung!), aber die West-Presse haben sie gefürchtet. Der Ruf stand auf dem Spiel, auch der des Krankenhauses. Aus diesem Grund kam die Geschichte nie an die Öffentlichkeit. Bis heute.

Meine Nichte hat dieser Kampf bis zu seinem glücklichen Ende viele Tränen, schlaflose Nächte und Nerven gekostet – aber ihr Mutterinstinkt hat ihr recht gegeben.

Wären die beiden Frauen sich nicht an jenem Tag auf dem Marktplatz begegnet, die Kinder hätten bis heute ihre richtigen Mütter nicht kennen gelernt. Das war eine schicksalhafte Begegnung. Daran glaube ich.

Tschüss,

Eure Mutsch

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2 Responses to “Schicksalhafte Begegnung”

  1. jens Says:

    wow … gänsehaut!

    danke für den artikel und viel gesundheit noch im neuen jahr!
    :)

  2. z. Says:

    das bei gerade mal zwei kindern sowas passieren konnte. :/

    ein sehr schöner blog, machen sie weiter :)

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