Verhinderte Ährenlese

22. Mai 2010

Ein Jahr nach dem Krieg, 1946, war die Versorgung mit Lebensmitteln noch sehr schlecht. Ich war als Flüchtling mit einem Teil meiner Familie in einer Kleinstadt in Sachsen gelandet – meine drei Kinder waren bei mir, eine meiner drei Schwestern mit ihren Kindern und meine Eltern. Mein Mann war in Kriegsgefangenschaft und meine drei Brüder waren auch noch nicht heim gekehrt. Wir hatten fast immer Hunger und jeder musste sich jeden Tag Nahrung verschaffen, die Zuteilung auf Lebensmittelkarten war spärlich. Eine besondere Gelegenheit war deshalb die Getreideernte. Da gab es dann eine richtige kleine Völkerwanderung zu den abgeernteten Feldern. Es war uns erlaubt, die Ähren aufzusammeln, die die Erntemaschinen nicht erfasst hatten. So machten sich dann auch meine Schwester und ich uns an einem Augusttag auf zu einem abgeernteten Feld.

Unser Weg führte uns über eine Landstraße, die von Birnbäumen gesäumt war. Das war in Sachsen durchaus üblich. Die Birnen waren noch nicht reif, aber für eine Suppe würde es reichen. Wir pflückten also einige Birnen ab und steckten sie uns in die Taschen. Da tauchte wie aus dem Nichts ein Polizist auf , schrie „So, da habe ich euch. Ertappt beim Diebstahl!“ Im Moment waren wir richtig erschrocken, er musste da gelauert haben. Wir versuchten, uns zu verteidigen, ihm die Gründe zu erklären – wir hatten ja beide je drei Kinder zu ernähren. Er ließ alle Argumente, die wir vorbrachten, nicht gelten und forderte unsere Ausweise. Die hatten wir nicht dabei. Der Polizist war jung, vielleicht zwanzig Jahre alt. Es gab einige solcher Leute, die nach kurzer oder auch ohne Ausbildung von der russischen Verwaltung als Hilfspolizisten ein gesetzt wurden. Viele hatten eine entsprechende Gesinnung, manche taten auch nur so. Oder hatten einfach Spaß daran, sich wichtig zu machen, so wie dieser junge Mann hier. Er ließ nicht mit sich reden und forderte uns auf, mit ihm ins nächste Dorf zu kommen, damit er dort, beim Bürgermeister, unsere Personalien feststellen konnte. Ja war der denn verrückt? Wegen ein paar Birnen? Es war weit bis ins Dorf und es war heiß. Wir weigerten uns. Da brachte er sein Gewehr in Anschlag und forderte uns ganz energisch auf, ihm zu folgen.  Dem war alles zuzutrauen, man sah es ihm an, er genoss es, Macht über uns zu haben. Er wollte auch mal einen Erfolg vorweisen, da kamen wir ihm grade recht. Uns blieb nichts anderes übrig, wir mussten vor ihm und seinem Gewehr herlaufen. Ich war so wütend und habe ihn – ich muss es zugeben – recht wüst beschimpft. Daraufhin sagte er, „Aha, nun kommt auch noch Beleidigung hinzu. Erst Diebstahl, dann Beleidigung, das wird teuer.“ Es war mir egal. Ich sagte ihm meine Meinung.

Dem Bürgermeister war es dann sehr unangenehm, diese Anzeige aufzunehmen nachdem er gehört hatte, was unser Vergehen war. Aber er wollte den Polizisten auch nicht bloß stellen. Wir gaben unsere Personalien an und konnten gehen. Mit unserem Ährensammeln wurde es nun nichts mehr.

Es verging über ein Monat, ich hatte den Vorfall schon fast vergessen, als es an der Tür klingelte. Ich öffnete und da stand ein älterer Polizist und legte mir einen Strafzettel über 60,- Mark vor. Und zwar wegen Beleidigung. Der Birnendiebstahl war fallen gelassen worden. Ich erklärte ihm, dass ich die 60,-  Mark nicht hätte. Ich hatte wirklich nichts, ich erhielt von keiner Seite Geld, sogar die Lebensmittelkarten bezahlten meine Eltern. Er glaubte mir nicht. Er bestand auf Bezahlung. Ich wiederholte, dass ich wirklich nichts hätte, keinen Pfenning. Da drohte er mir, wenn ich nicht sofort zahlen würde, müsste ich die Strafe absitzen, da käme mindestens eine Woche Gefängnis auf mich zu. Darauf sagte ich, „Ja, das ist ein sehr guter Vorschlag, da muss ich mich einmal nicht ums Essen kümmern. Meine drei Kinder muss ich natürlich mitnehmen, ich kann sie nicht eine ganze Woche allein lassen. Das geht doch in Ordnung?“  Er starrte mich an. Nach einer langen Pause sagte er dann, also Kinder, die würde man im Gefängnis nicht aufnehmen. Er fragte ein letztes Mal nach dem Geld, aber da hatte er im Grunde schon aufgegeben. Und er kannte ja meine Antwort. Dann müsse er die Strafe wohl niederschlagen, sagte er noch und verabschiedete sich schnell.

Das war eine harte Zeit, in der man seine ganze Energie darauf verwenden musste, zusätzlich etwas Essen heran zu schaffen – zumal wir als Flüchtlinge keine Tauschobjekte hatten. Für die heutige Generation undenkbar, zum Glück. Aber ich bekomme es auch heute noch nicht fertig. Lebensmittel verderben zu lassen. Die Hungerjahre habe ich immer noch im Kopf.

Tschüss, Eure Mutsch

Eine Umzugsgeschichte

9. März 2010

Vor einiger Zeit gab es eine Reportage im Fernsehen, die über den Westwall berichtete. Das hat in mir wieder alte Erinnerungen wach gerufen, Ereignisse, an die ich lange nicht gedacht hatte und die doch mit dem Westwall indirekt zu tun haben. Aber das ist eine längere Geschichte und ich fange am besten von vorne an.

Meine Kindheit und Jugend habe ich in Ostpreußen verbracht. Mit 22 Jahren hatte ich dann einen festen Freund – wir verlobten uns und wollten heiraten. Eines Tages nun teilte mir mein Verlobter mit, dass er sich ins Saargebiet versetzen lassen könnte (er war Wehrmachtsbeamter) und ob ich das auch möchte. Natürlich wollte ich. Wir aus Ostpreußen, das vom übrigen Deutschland getrennt war, hatten noch nichts vom übrigen Deutschland gesehen und ich war jung und neugierig auf andere Gegenden, andere Leute. Wir haben dann 1936 geheiratet und unseren ersten Hausstand in Saarlouis gegründet. Die Menschen dort waren sehr freundlich und wir lebten uns schnell ein. Sogar Freunde hatten wir dort bald gefunden. Und in Saarlouis verlief der Westwall, man konnte die Kuppeln erkennen, die sich wie Perlen an einer Kette durch die Stadtteile zogen. Die französische Grenze war nur einige Kilometer entfernt. Er war uns unheimlich, dieser Wall, und durch die herausragenden Kuppeln wurde man ständig an ihn erinnert.

Im April 1939 wurde mein Mann dann zu einem Verwaltungslehrgang für ein Jahr nach München geschickt. Ich sollte nach kommen, sobald er eine passende Unterkunft für mich und unseren inzwischen 2-jährigen Sohn gefunden hatte. Erst wollte ich aber für sechs Wochen nach Hause, nach Ostpreußen, fahren und freute mich sehr, nach so langer Zeit wieder Eltern, Geschwister und Freunde zu sehen. Nachdem mein Mann in München gelandet war, packte ich meine Koffer, um noch im April nach Ostpreußen zu fahren. Als ich meine Wohnungstür abschloss ahnte ich nicht, dass ich niemals mehr in diese Wohnung zurück kehren würde.

In Ostpreußen verlebten wir schöne, abwechslungsreiche Urlaubstage. Es ist uns schon aufgefallen, dass viele Soldaten unterwegs waren und ganz in unserer Nähe an der polnischen Grenze, Truppen konzentriert wurden. Man munkelte, denn laut durfte man es nicht sagen, dass es zwischen Deutschland und Polen Krieg geben würde. Ich sprach mit meinem Mann darüber und auch er war der Ansicht, ja, es wird Krieg geben und ich sollte meine Sachen packen und nach München kommen. Denn im Kriegsfall würde der Korridor gesperrt und ich käme aus Ostpreußen nicht mehr heraus. Seine Wirtin war bereit, uns ein großes Zimmer zur Verfügung zu stellen und ein Kinderbett hatte sie auch. Ich fuhr also Anfang Juli 1939 nach München. Diese Stadt hat mich ungeheuer beindruckt. Für mich tat sich eine neue Welt auf – jeden Tag neue Eindrücke! Aber so jung ich auch noch war und so begeistert von der Stadt, die Kriegsbedrohung war allgegenwärtig. Wir hatten Angst.

Am 1. September war es dann soweit. Hitler kündigte eine Rede an das deutsche Volk an. Meine Wirtin rief mich zu sich in das Wohnzimmer, wo der Volksempfänger stand und wir warteten gespannt auf die Rede. Von ihr hat sich bis heute vor allem ein Satz eingeprägt: „Ab heute 6 Uhr wird zurückgeschossen.“ Damit war Polen gemeint. Wir waren erschüttert. Nun hatten wir Krieg. Meine Wirtin war im ersten Weltkrieg Krankenschwester gewesen und hatte Angehörige verloren, sie wusste, was Krieg bedeutete. Ich konnte mir nicht recht vorstellen, was nun auf uns zukam und musste das eben Gehörte erst einmal verdauen. Ein paar Tage später erklärte uns auch Frankreich den Krieg.

Die Stadt Saarlouis wurde geräumt. Ich wurde gewissermaßen in Abwesenheit evakuiert und konnte also vorläufig nicht nach Hause. Im Moment hatte ich ja eine Unterkunft, aber was würde werden, wenn der Lehrgang vorbei war? Meine Stimmung war sehr gedrückt, es war Krieg, ich konnte das nicht fassen, unsere Wohnung in Saarlouis war unerreichbar, was wurde denn aus unseren Sachen? Ja, man denkt nicht immer an das Große, manchmal versucht man nur, das Alltägliche zu regeln, vielleicht, weil man sich so ohnmächtig fühlt. Nach Ostpreußen zu meiner Familie konnte ich jedenfalls nicht, da die Eisenbahnbrücke, die durch den Korridor führte, gesprengt worden war. Die Zeitungen waren voller Erfolgsmeldungen, voller Propaganda, aber es tauchten auch erste Gefallenenmeldungen auf. Von meiner besten Freundin erfuhr ich, dass ihr Mann gefallen sei. Die Nachricht von seinem Tod traf ein, als sie ihr zweites Kind zur Welt brachte. Nun verstand ich, was Krieg bedeutete und was habe ich den Krieg verflucht.

Der Polenfeldzug war im Oktober beendet und der Korridor wieder in deutscher Hand. Die Brücke war aber nach wie vor zerstört. Ich war immer noch in München – mit dem einen Koffer Sommerkleidung für mich und meinen kleinen Sohn, mit dem ich im April in Saarlouis aufgebrochen war. Es wurde langsam kühl und ich wusste nicht, wo ich für mich oder mein Kind Kleidung herbekommen sollte. Im November schließlich wurde die Brücke freigegeben und ich fuhr durch den Korridor nach Ostpreußen zu meinen Eltern. Mein Mann hatte inzwischen die Prüfung hinter sich gebracht (er war nun Zahlmeister) und bekam den Befehl, sich in Posen bei der Wehrmachtsverwaltung zu melden. Er bemühte sich um eine Umzugsgenehmigung für uns und wir bekamen eine vorläufige Wohnung zugeteilt, in der wir alle gemeinsam Weihnachten „feiern“ konnten. Im Januar 1940 zogen wir dann wieder um und nachdem, nach langem Hin und Her mit der Wehrmachtsverwaltung in Saarlouis, im März auch unsere Möbel ankamen, hatten wir in Posen wieder so etwas wie ein Zuhause – wenn auch nicht für lange Zeit, aber das ist eine andere Geschichte.

Posen hat eine bewegte Geschichte, auch schon vor der deutschen Besatzung im zweiten Weltkrieg, zu der Zeit also, als ich dort war. Und ein wesentlicher Teil dieser Geschichte ist geprägt von Leid, von Flucht und Vertreibung, aber das kann man alles an anderer Stelle nachlesen. Ich möchte hier nur noch anmerken, dass der Westwall genauso ein wahnsinniges,  überflüssiges Unterfangen war wie der ganze Krieg. Ein kleiner Teil des Walls wird, wie ich aus dem Fernsehen erfuhr, der Nachwelt erhalten als Mahnmal. Der große Rest aber wird sich selbst und der Natur überlassen, die ihn überwuchert.

Tschüss, Eure Mutsch

Schicksalhafte Begegnung

6. Januar 2010

Glauben Sie an eine schicksalhafte Begegnung? Nein? Dann lesen Sie doch einfach die folgende, wahre Geschichte, die sich in der ehemaligen DDR zugetragen hat.

Meine Nichte lebte (und lebt bis heute) mit ihrer Familie in einer Kleinstadt in Sachsen. Zur Entbindung ihres zweiten Kindes ging sie ins nahegelegene Krankenhaus. Zur gleichen Zeit war noch eine Mutter auf der Entbindungsstation und beide wurden beinahe zur gleichen Zeit von einem Jungen entbunden – sie waren an diesem Tag die einzigen jungen Mütter. Nach der Geburt wurde meiner Nichte das Kind, wie es üblich war, nur kurz gereicht und sie sah es.

Am nächsten Tag brachte man ihr das Kind zum Stillen und sie sagte sofort, „Das ist nicht mein Kind“. Die Schwester war empört über diese Äußerung und verwies auf das Bändchen, das jedes Kind nach der Geburt um das Handgelenk bekommt und das eine Verwechslung unmöglich macht. Außerdem hätte es ja die richtige Kleidung an, die sie selbst mitgebracht hatte. Das Bändchen gab den richtigen Namen an, die Kleidung stimmte. Zweifel bleiben bei meiner Nichte trotzdem. Von allen Seiten wurde nun auf sie eingeredet, auch die Ärztin schaltete sich ein und wies eine Verwechslung energisch zurück. Was blieb meiner Nichte anderes übrig, als mit dem Baby nach Hause zu gehen. Auch die andere Frau, die zur gleichen Zeit entbunden hatte, verließ das Krankenhaus. Sie wohnte auf einem Dorf in der Nähe der Kleinstadt.

So vergingen zehn Monate und jede versorgte ihr Kind. Dann kam es zu der schicksalhaften Begegnung. Meine Nichte schob ihren Sohn im Kinderwagen an einem Wochentag gegen 14 Uhr über den örtlichen Marktplatz und begegnete der anderen Mutter, mit der sie gemeinsam auf der Entbindungsstation gelegen hatte. Auch sie hatte ihr Kind dabei. Beide unterhielten sich und meine Nichte erfuhr, dass die andere das erste Mal mit ihrem Baby in der Stadt war und das auch nur, weil ihre Mutter keine Zeit gehabt hatte, sich um das Kind zu kümmern und sie es also notgedrungen mitgenommen hatte. Nun wurden die Kinder begutachtet. Als meine Nichte den anderen Jungen sah, rief sie spontan, „Das ist mein Baby! Jetzt weiß ich es genau, die Kinder sind vertauscht worden!“ Die andere Dame war empört und ließ meine Nichte stehen. Vollkommen aufgeregt über diese Begegnung erzählte meine Nichte ihrem Mann, dass sie sich über den Kindertausch nun sicher sei. Der war erst skeptisch und sagte, sie solle sich die Sache gut überlegen, denn leicht würde der Kampf gegen die Behörden sicher nicht werden. Meine Nichte aber wollte eine Entscheidung erzwingen und wandte sich zuerst an das Krankenhaus. Als sie dort wieder von ihrem Verdacht berichtete, drohte man ihr mit der Polizei und einer Anzeige wegen Verleumdung.

Sie musste sich einen Rechtsanwalt nehmen. Der erste lehnte das Mandat ab, die Sache war ihm zu heikel, auch ein zweiter wollte sich nicht mit den Behörden anlegen. Erst der dritte Anwalt war bereit, die Sache gemeinsam mit meiner Nichte durchzufechten. Er wollte per Gerichtsbeschluss ein erbbiologisches Gutachten erzwingen – damals ein aufwändigeres Verfahren als heute. Die Klage wurde dem Gericht eingereicht. Nach einer gewissen Zeit des Wartens erging ein Gerichtsbeschluss, dass ein erbbiologisches Gutachten zu erstellen sei und zwar in einem bestimmten Krankenhaus in Dresden. Nun kam die Sache ins Rollen. Es mussten folgende Personen zur Blutabnahme: beide Kinder, beide Elternteile, beide Großelternteile. Meine Schwester (eine Kriegerwitwe, ja, wir sagten Krieger- und nicht Kriegs-witwe), musste extra aus dem Westen nach Dresden zur Blutabnahme anreisen, die unter polizeilicher Aufsicht statt fand. Wieder verging Zeit, bis das Gutachten erstellt war. Meine Nichte war sehr zuversichtlich und davon überzeugt, dass sie recht behalten würde. Und tatsächlich: das Gutachten bescheinigte eine 95% Wahrscheinlichkeit, dass die Babys vertauscht worden waren.

Nun wurde ein Termin für die Rücktauschaktion vereinbart. Für beide Mütter war es ein schwerer Tag, hatten sie doch beide eine enge Beziehung zu den Kindern aufgebaut. Doch bevor die Kinder nun übergeben wurden, mussten beide Mütter ein Schriftstück unterschreiben, das ihnen eine strafrechtliche Verfolgung in Aussicht stellte, sollten sie jemals die Presse oder sonst jemanden über die Verwechslung informieren. So wurde damals mit den Leuten umgegangen. Natürlich haben beide unterschrieben, wer wollte schon zur Umerziehung nach Bautzen? Bei dieser Aktion war ganz sicher die Stasi im Spiel – sie wussten genau, dass die DDR-Presse so etwas nicht veröffentlichen würde (In der DDR passiert doch keine Verwechslung bei einer Entbindung!), aber die West-Presse haben sie gefürchtet. Der Ruf stand auf dem Spiel, auch der des Krankenhauses. Aus diesem Grund kam die Geschichte nie an die Öffentlichkeit. Bis heute.

Meine Nichte hat dieser Kampf bis zu seinem glücklichen Ende viele Tränen, schlaflose Nächte und Nerven gekostet – aber ihr Mutterinstinkt hat ihr recht gegeben.

Wären die beiden Frauen sich nicht an jenem Tag auf dem Marktplatz begegnet, die Kinder hätten bis heute ihre richtigen Mütter nicht kennen gelernt. Das war eine schicksalhafte Begegnung. Daran glaube ich.

Tschüss,

Eure Mutsch

Jahreswechsel

29. Dezember 2009

Das Krisenjahr 2009 geht seinem Ende entgegen. Experten stellten fest, dass es nicht ganz so schlimm war wie vorausgesagt.

Jetzt werden Prognosen für 2010 gestellt und die sehen auch ganz trübe aus. Eine große Arbeitslosigkeit wird prophezeit, und das befürchte ich auch. Es wird ja in letzter Zeit immer die Weltwirtschaftskrise von 1928 heran gezogen mit der nachfolgenden großen Arbeitslosigkeit. Ich kann mich an diese Zeit gut erinnern. 1929 hatten wir in Deutschland sechs Millionen Arbeitslose. Ich hatte zu der Zeit die Handelsschule abgeschlossen und suchte eine Lehrstelle im Büro. Es war damals noch üblich, bei den Firmen persönlich nachzufragen. Ich habe in vielen Firmen vergebens vorgesprochen und war glücklich, endlich eine Lehrstelle in einem Anwaltsbüro gefunden zu haben. Mein Lehrlingsgehalt betrug 25,- Reichsmark pro Monat im ersten Jahr und 35,- RM im zweiten. Meine Eltern mussten weiterhin für den Unterhalt aufkommen, denn mit 25,- RM monatlich konnte man nicht leben.

Schlimm waren die Arbeitslosen dran, die Familien zu ernähren hatten. Das Stempelgeld, so hieß das damals, richtete sich nach dem Verdienst und wer wenig verdient hatte, bekam auch wenig, oft nur 25,- bis 35,- RM die Woche. Auch heute richtet sich das Arbeitslosengeld ja nach dem Verdienst, aber damals gab es keine Zuschüsse vom Staat, weder Kindergeld noch Wohngeld und kein „Hartz“. In den Familien herrschte bitterste Not. Viele Frauen, die mehrere Kinder zu versorgen hatten, mussten sich als Waschfrauen verdingen, um mit der Familie nicht zu verhungern. Und ich bin heute noch davon überzeugt, dass Hitler nicht so ohne weiteres an die Macht gekommen wäre, wenn er nicht großschnäuzig verkündet hätte, die Arbeitslosigkeit abzuschaffen. Viele haben nicht mehr nachgedacht, sondern wählten Hitler aus purer Verzweiflung. Das ist natürlich keine Entschuldigung, aber die Krise hat es dem Verbrecher leicht gemacht.

Heute haben wir das soziale Netz. Welch ein Fortschritt! Nun beginnt das Jahr 2010. Ich hoffe, dass es besser ausfallen wird, als alle Experten voraussagen. Ich wünsche Ihnen alles Gute.

Tschüss, Eure Mustch

Ich war mit meinen Kindern auf der Flucht aus dem Osten im Frühjahr 1945 in einer kleinen Stadt in der Nähe Dresdens hängen geblieben. Wir bekamen zwei kleine, notdürftig möblierte Zimmer zugewiesen und waren froh, dass wir ein Dach über dem Kopf hatten. So schlug ich mich mit meinen drei Kindern mehr schlecht als recht durch. Mein Mann war aus der Kriegsgefangenschaft noch nicht heimgekehrt.

Es war Dezember und es musste geheizt werden. An eine Zuteilung von Brennmaterial war gar nicht zu denken. Es war nichts da für die Bevölkerung und es konnte also nichts verteilt werden. Das Wenige, das zur Verteillung kam, ging an Krankenhäuser, Behörden und an die Besatzungsmacht.

Im Sommer hatte ich mit den Kindern eifrig Holz gesammelt, aber mit Schrecken stellte ich fest, dass auch bei sparsamstem Verbrauch dieser Vorrat zusammenschmolz. Nun hatte ich herausgefunden, dass auf dem Güterbahnhof unserer kleinen Stadt täglich Züge mit Briketts anrollten, die dann von Arbeitern auf LKWs umgeladen wurden. Die Arbeiter, die das Umladen besorgten, wussten von der großen Not der Bevölkerung und ließen beim Umschaufeln absichtlich Briketts vorbei fallen. Natürlich hatte sich das bald herum gesprochen und entsprechend viele Leute waren da. Man musste sich schon schnell bücken können. Aber zum Schluss ergatterten wir doch immer so viel, dass es für ein paar Tage reichte.

Eine Woche vor Weihnachten bekamen wir zu allem Unglück strengen Frost. Das Thermometer sank auf minus 15 Grad. Man verbrauchte mehr Heizmaterial, um eine einigermaßen erträgliche Temperatur in der Wohnung zu halten. Der Vorrat schmolz dahin. Am Heiligen Abend legte ich morgens die letzten zwei Briketts in unseren eisernen Ofen, um die Glut zu erhalten, denn Holz war nicht mehr da.  Ich ging zum Güterbahnhof in der Hoffnung, mit einem gefüllten Rucksack Briketts nach Hause zu kommen. Dort angekommen, war alles leergefegt und still. Keine Leute, nichts. Ich wartete, aber nichts rührte sich. Ich wurde unruhig. Wie sollte Weihnachtsstimmung aufkommen, wenn wir nicht einmal eine geheizte Stube hatten? Und die Kinder! Wie freuten die sich schon auf Weihnachten. Sie konnten den Heiligen Abend gar nicht mehr erwarten. Es hatte eine Sonderzuteilung von Weizenmehl und Zucker gegeben, davon konnte ich Plätzchen backen. Einen kleinen Tannenbaum hatte ich auch erstanden und für Familien mit Kindern gab es sogar drei Kerzen auf Zuteilung. Kleine Geschenke hatte ich selbst gebastelt, denn zu kaufen gab es nichts. Zu unserem Weihnachtsglück fehlte uns eben nur noch ein bisschen Brennmaterial.

Diese Gedanken schossen mir durch den Kopf, während ich wartete und sich auf dem Güterbahnhof nichts rührte. In meiner Verzweiflung schickte ich ein Stoßgebet zum Himmel „Lieber Gott, lass ein Wunder geschehen, ich kann nicht mit leeren Händen nach Hause kommen“.

Weiter zu warten hatte wohl keinen Zweck, ich war schon ganz durch gefroren. Meine Schritte lenkten mich zu einer Baracke, in der die Eisenbahner gewöhnlich frühstückten. Ich hoffte, dort jemanden anzutreffen, um mich zu erkundigen, ob das Warten wohl noch Sinn hatte. Ich drückte die Klinke herunter und – oh Wunder – die Tür war nicht verschlossen. Eine wohlige Wärme strömte mir entgegen. Ein Mann saß am Tisch und aß. Er bot mir einen Platz an und ich konnte meine durch gefrorenen Glieder aufwärmen. Ich fragte ihn, wie es mit der Ankunft von Güterzügen aussähe, ob es wohl noch Zweck hätte zu warten. Nein, sagte er mir, heute und über die Feiertage kämen keine Züge, ich könnte ruhig nach Hause gehen. Ich erschrak. Ich schilderte ihm meine Lage. Er hörte sich alles schweigend an, stand dann auf, nahm meinen Rucksack und ging in einen Nebenraum. Hoffnung keimte in mir auf. Sollte das erbetene Wunder doch noch geschehen? Und richtig! Nach einer Weile kam er zurück, übergab mir den Rucksack voll von Briketts mit den Worten:

„Am Heiligen Abend soll man niemand unbeschenkt gehen lassen.“

Ich war so gerührt, dass mir die Tränen in den Augen standen. Die Dankesworte überschlugen sich in meinem Mund. Ich war in diesem Augenblick der glücklichste Mensch. Es war das schönste Weihnachtsgeschenk.

Dass ich mit meinen Kindern nun doch ein frohes, wenn auch bescheidenes Weihnachtsfest feiern konnte, hatte mein Herz so mit Freude gefüllt, dass ich auf dem Heimweg die schwere Last auf meinem Rücken gar nicht spürte.

Viele Weihnachtsfeste hat es noch gegeben, aber das Weihnachstfest 1945 bleibt mir in steter Erinnerung.

Tschüss, Eure Mutsch