Verhinderte Ährenlese

22. Mai 2010

Ein Jahr nach dem Krieg, 1946, war die Versorgung mit Lebensmitteln noch sehr schlecht. Ich war als Flüchtling mit einem Teil meiner Familie in einer Kleinstadt in Sachsen gelandet – meine drei Kinder waren bei mir, eine meiner drei Schwestern mit ihren Kindern und meine Eltern. Mein Mann war in Kriegsgefangenschaft und meine drei Brüder waren auch noch nicht heim gekehrt. Wir hatten fast immer Hunger und jeder musste sich jeden Tag Nahrung verschaffen, die Zuteilung auf Lebensmittelkarten war spärlich. Eine besondere Gelegenheit war deshalb die Getreideernte. Da gab es dann eine richtige kleine Völkerwanderung zu den abgeernteten Feldern. Es war uns erlaubt, die Ähren aufzusammeln, die die Erntemaschinen nicht erfasst hatten. So machten sich dann auch meine Schwester und ich uns an einem Augusttag auf zu einem abgeernteten Feld.

Unser Weg führte uns über eine Landstraße, die von Birnbäumen gesäumt war. Das war in Sachsen durchaus üblich. Die Birnen waren noch nicht reif, aber für eine Suppe würde es reichen. Wir pflückten also einige Birnen ab und steckten sie uns in die Taschen. Da tauchte wie aus dem Nichts ein Polizist auf , schrie „So, da habe ich euch. Ertappt beim Diebstahl!“ Im Moment waren wir richtig erschrocken, er musste da gelauert haben. Wir versuchten, uns zu verteidigen, ihm die Gründe zu erklären – wir hatten ja beide je drei Kinder zu ernähren. Er ließ alle Argumente, die wir vorbrachten, nicht gelten und forderte unsere Ausweise. Die hatten wir nicht dabei. Der Polizist war jung, vielleicht zwanzig Jahre alt. Es gab einige solcher Leute, die nach kurzer oder auch ohne Ausbildung von der russischen Verwaltung als Hilfspolizisten ein gesetzt wurden. Viele hatten eine entsprechende Gesinnung, manche taten auch nur so. Oder hatten einfach Spaß daran, sich wichtig zu machen, so wie dieser junge Mann hier. Er ließ nicht mit sich reden und forderte uns auf, mit ihm ins nächste Dorf zu kommen, damit er dort, beim Bürgermeister, unsere Personalien feststellen konnte. Ja war der denn verrückt? Wegen ein paar Birnen? Es war weit bis ins Dorf und es war heiß. Wir weigerten uns. Da brachte er sein Gewehr in Anschlag und forderte uns ganz energisch auf, ihm zu folgen.  Dem war alles zuzutrauen, man sah es ihm an, er genoss es, Macht über uns zu haben. Er wollte auch mal einen Erfolg vorweisen, da kamen wir ihm grade recht. Uns blieb nichts anderes übrig, wir mussten vor ihm und seinem Gewehr herlaufen. Ich war so wütend und habe ihn – ich muss es zugeben – recht wüst beschimpft. Daraufhin sagte er, „Aha, nun kommt auch noch Beleidigung hinzu. Erst Diebstahl, dann Beleidigung, das wird teuer.“ Es war mir egal. Ich sagte ihm meine Meinung.

Dem Bürgermeister war es dann sehr unangenehm, diese Anzeige aufzunehmen nachdem er gehört hatte, was unser Vergehen war. Aber er wollte den Polizisten auch nicht bloß stellen. Wir gaben unsere Personalien an und konnten gehen. Mit unserem Ährensammeln wurde es nun nichts mehr.

Es verging über ein Monat, ich hatte den Vorfall schon fast vergessen, als es an der Tür klingelte. Ich öffnete und da stand ein älterer Polizist und legte mir einen Strafzettel über 60,- Mark vor. Und zwar wegen Beleidigung. Der Birnendiebstahl war fallen gelassen worden. Ich erklärte ihm, dass ich die 60,-  Mark nicht hätte. Ich hatte wirklich nichts, ich erhielt von keiner Seite Geld, sogar die Lebensmittelkarten bezahlten meine Eltern. Er glaubte mir nicht. Er bestand auf Bezahlung. Ich wiederholte, dass ich wirklich nichts hätte, keinen Pfenning. Da drohte er mir, wenn ich nicht sofort zahlen würde, müsste ich die Strafe absitzen, da käme mindestens eine Woche Gefängnis auf mich zu. Darauf sagte ich, „Ja, das ist ein sehr guter Vorschlag, da muss ich mich einmal nicht ums Essen kümmern. Meine drei Kinder muss ich natürlich mitnehmen, ich kann sie nicht eine ganze Woche allein lassen. Das geht doch in Ordnung?“  Er starrte mich an. Nach einer langen Pause sagte er dann, also Kinder, die würde man im Gefängnis nicht aufnehmen. Er fragte ein letztes Mal nach dem Geld, aber da hatte er im Grunde schon aufgegeben. Und er kannte ja meine Antwort. Dann müsse er die Strafe wohl niederschlagen, sagte er noch und verabschiedete sich schnell.

Das war eine harte Zeit, in der man seine ganze Energie darauf verwenden musste, zusätzlich etwas Essen heran zu schaffen – zumal wir als Flüchtlinge keine Tauschobjekte hatten. Für die heutige Generation undenkbar, zum Glück. Aber ich bekomme es auch heute noch nicht fertig. Lebensmittel verderben zu lassen. Die Hungerjahre habe ich immer noch im Kopf.

Tschüss, Eure Mutsch

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