Eine Umzugsgeschichte

9. März 2010

Vor einiger Zeit gab es eine Reportage im Fernsehen, die über den Westwall berichtete. Das hat in mir wieder alte Erinnerungen wach gerufen, Ereignisse, an die ich lange nicht gedacht hatte und die doch mit dem Westwall indirekt zu tun haben. Aber das ist eine längere Geschichte und ich fange am besten von vorne an.

Meine Kindheit und Jugend habe ich in Ostpreußen verbracht. Mit 22 Jahren hatte ich dann einen festen Freund – wir verlobten uns und wollten heiraten. Eines Tages nun teilte mir mein Verlobter mit, dass er sich ins Saargebiet versetzen lassen könnte (er war Wehrmachtsbeamter) und ob ich das auch möchte. Natürlich wollte ich. Wir aus Ostpreußen, das vom übrigen Deutschland getrennt war, hatten noch nichts vom übrigen Deutschland gesehen und ich war jung und neugierig auf andere Gegenden, andere Leute. Wir haben dann 1936 geheiratet und unseren ersten Hausstand in Saarlouis gegründet. Die Menschen dort waren sehr freundlich und wir lebten uns schnell ein. Sogar Freunde hatten wir dort bald gefunden. Und in Saarlouis verlief der Westwall, man konnte die Kuppeln erkennen, die sich wie Perlen an einer Kette durch die Stadtteile zogen. Die französische Grenze war nur einige Kilometer entfernt. Er war uns unheimlich, dieser Wall, und durch die herausragenden Kuppeln wurde man ständig an ihn erinnert.

Im April 1939 wurde mein Mann dann zu einem Verwaltungslehrgang für ein Jahr nach München geschickt. Ich sollte nach kommen, sobald er eine passende Unterkunft für mich und unseren inzwischen 2-jährigen Sohn gefunden hatte. Erst wollte ich aber für sechs Wochen nach Hause, nach Ostpreußen, fahren und freute mich sehr, nach so langer Zeit wieder Eltern, Geschwister und Freunde zu sehen. Nachdem mein Mann in München gelandet war, packte ich meine Koffer, um noch im April nach Ostpreußen zu fahren. Als ich meine Wohnungstür abschloss ahnte ich nicht, dass ich niemals mehr in diese Wohnung zurück kehren würde.

In Ostpreußen verlebten wir schöne, abwechslungsreiche Urlaubstage. Es ist uns schon aufgefallen, dass viele Soldaten unterwegs waren und ganz in unserer Nähe an der polnischen Grenze, Truppen konzentriert wurden. Man munkelte, denn laut durfte man es nicht sagen, dass es zwischen Deutschland und Polen Krieg geben würde. Ich sprach mit meinem Mann darüber und auch er war der Ansicht, ja, es wird Krieg geben und ich sollte meine Sachen packen und nach München kommen. Denn im Kriegsfall würde der Korridor gesperrt und ich käme aus Ostpreußen nicht mehr heraus. Seine Wirtin war bereit, uns ein großes Zimmer zur Verfügung zu stellen und ein Kinderbett hatte sie auch. Ich fuhr also Anfang Juli 1939 nach München. Diese Stadt hat mich ungeheuer beindruckt. Für mich tat sich eine neue Welt auf – jeden Tag neue Eindrücke! Aber so jung ich auch noch war und so begeistert von der Stadt, die Kriegsbedrohung war allgegenwärtig. Wir hatten Angst.

Am 1. September war es dann soweit. Hitler kündigte eine Rede an das deutsche Volk an. Meine Wirtin rief mich zu sich in das Wohnzimmer, wo der Volksempfänger stand und wir warteten gespannt auf die Rede. Von ihr hat sich bis heute vor allem ein Satz eingeprägt: „Ab heute 6 Uhr wird zurückgeschossen.“ Damit war Polen gemeint. Wir waren erschüttert. Nun hatten wir Krieg. Meine Wirtin war im ersten Weltkrieg Krankenschwester gewesen und hatte Angehörige verloren, sie wusste, was Krieg bedeutete. Ich konnte mir nicht recht vorstellen, was nun auf uns zukam und musste das eben Gehörte erst einmal verdauen. Ein paar Tage später erklärte uns auch Frankreich den Krieg.

Die Stadt Saarlouis wurde geräumt. Ich wurde gewissermaßen in Abwesenheit evakuiert und konnte also vorläufig nicht nach Hause. Im Moment hatte ich ja eine Unterkunft, aber was würde werden, wenn der Lehrgang vorbei war? Meine Stimmung war sehr gedrückt, es war Krieg, ich konnte das nicht fassen, unsere Wohnung in Saarlouis war unerreichbar, was wurde denn aus unseren Sachen? Ja, man denkt nicht immer an das Große, manchmal versucht man nur, das Alltägliche zu regeln, vielleicht, weil man sich so ohnmächtig fühlt. Nach Ostpreußen zu meiner Familie konnte ich jedenfalls nicht, da die Eisenbahnbrücke, die durch den Korridor führte, gesprengt worden war. Die Zeitungen waren voller Erfolgsmeldungen, voller Propaganda, aber es tauchten auch erste Gefallenenmeldungen auf. Von meiner besten Freundin erfuhr ich, dass ihr Mann gefallen sei. Die Nachricht von seinem Tod traf ein, als sie ihr zweites Kind zur Welt brachte. Nun verstand ich, was Krieg bedeutete und was habe ich den Krieg verflucht.

Der Polenfeldzug war im Oktober beendet und der Korridor wieder in deutscher Hand. Die Brücke war aber nach wie vor zerstört. Ich war immer noch in München – mit dem einen Koffer Sommerkleidung für mich und meinen kleinen Sohn, mit dem ich im April in Saarlouis aufgebrochen war. Es wurde langsam kühl und ich wusste nicht, wo ich für mich oder mein Kind Kleidung herbekommen sollte. Im November schließlich wurde die Brücke freigegeben und ich fuhr durch den Korridor nach Ostpreußen zu meinen Eltern. Mein Mann hatte inzwischen die Prüfung hinter sich gebracht (er war nun Zahlmeister) und bekam den Befehl, sich in Posen bei der Wehrmachtsverwaltung zu melden. Er bemühte sich um eine Umzugsgenehmigung für uns und wir bekamen eine vorläufige Wohnung zugeteilt, in der wir alle gemeinsam Weihnachten „feiern“ konnten. Im Januar 1940 zogen wir dann wieder um und nachdem, nach langem Hin und Her mit der Wehrmachtsverwaltung in Saarlouis, im März auch unsere Möbel ankamen, hatten wir in Posen wieder so etwas wie ein Zuhause – wenn auch nicht für lange Zeit, aber das ist eine andere Geschichte.

Posen hat eine bewegte Geschichte, auch schon vor der deutschen Besatzung im zweiten Weltkrieg, zu der Zeit also, als ich dort war. Und ein wesentlicher Teil dieser Geschichte ist geprägt von Leid, von Flucht und Vertreibung, aber das kann man alles an anderer Stelle nachlesen. Ich möchte hier nur noch anmerken, dass der Westwall genauso ein wahnsinniges,  überflüssiges Unterfangen war wie der ganze Krieg. Ein kleiner Teil des Walls wird, wie ich aus dem Fernsehen erfuhr, der Nachwelt erhalten als Mahnmal. Der große Rest aber wird sich selbst und der Natur überlassen, die ihn überwuchert.

Tschüss, Eure Mutsch

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