Ich war mit meinen Kindern auf der Flucht aus dem Osten im Frühjahr 1945 in einer kleinen Stadt in der Nähe Dresdens hängen geblieben. Wir bekamen zwei kleine, notdürftig möblierte Zimmer zugewiesen und waren froh, dass wir ein Dach über dem Kopf hatten. So schlug ich mich mit meinen drei Kindern mehr schlecht als recht durch. Mein Mann war aus der Kriegsgefangenschaft noch nicht heimgekehrt.

Es war Dezember und es musste geheizt werden. An eine Zuteilung von Brennmaterial war gar nicht zu denken. Es war nichts da für die Bevölkerung und es konnte also nichts verteilt werden. Das Wenige, das zur Verteillung kam, ging an Krankenhäuser, Behörden und an die Besatzungsmacht.

Im Sommer hatte ich mit den Kindern eifrig Holz gesammelt, aber mit Schrecken stellte ich fest, dass auch bei sparsamstem Verbrauch dieser Vorrat zusammenschmolz. Nun hatte ich herausgefunden, dass auf dem Güterbahnhof unserer kleinen Stadt täglich Züge mit Briketts anrollten, die dann von Arbeitern auf LKWs umgeladen wurden. Die Arbeiter, die das Umladen besorgten, wussten von der großen Not der Bevölkerung und ließen beim Umschaufeln absichtlich Briketts vorbei fallen. Natürlich hatte sich das bald herum gesprochen und entsprechend viele Leute waren da. Man musste sich schon schnell bücken können. Aber zum Schluss ergatterten wir doch immer so viel, dass es für ein paar Tage reichte.

Eine Woche vor Weihnachten bekamen wir zu allem Unglück strengen Frost. Das Thermometer sank auf minus 15 Grad. Man verbrauchte mehr Heizmaterial, um eine einigermaßen erträgliche Temperatur in der Wohnung zu halten. Der Vorrat schmolz dahin. Am Heiligen Abend legte ich morgens die letzten zwei Briketts in unseren eisernen Ofen, um die Glut zu erhalten, denn Holz war nicht mehr da.  Ich ging zum Güterbahnhof in der Hoffnung, mit einem gefüllten Rucksack Briketts nach Hause zu kommen. Dort angekommen, war alles leergefegt und still. Keine Leute, nichts. Ich wartete, aber nichts rührte sich. Ich wurde unruhig. Wie sollte Weihnachtsstimmung aufkommen, wenn wir nicht einmal eine geheizte Stube hatten? Und die Kinder! Wie freuten die sich schon auf Weihnachten. Sie konnten den Heiligen Abend gar nicht mehr erwarten. Es hatte eine Sonderzuteilung von Weizenmehl und Zucker gegeben, davon konnte ich Plätzchen backen. Einen kleinen Tannenbaum hatte ich auch erstanden und für Familien mit Kindern gab es sogar drei Kerzen auf Zuteilung. Kleine Geschenke hatte ich selbst gebastelt, denn zu kaufen gab es nichts. Zu unserem Weihnachtsglück fehlte uns eben nur noch ein bisschen Brennmaterial.

Diese Gedanken schossen mir durch den Kopf, während ich wartete und sich auf dem Güterbahnhof nichts rührte. In meiner Verzweiflung schickte ich ein Stoßgebet zum Himmel „Lieber Gott, lass ein Wunder geschehen, ich kann nicht mit leeren Händen nach Hause kommen“.

Weiter zu warten hatte wohl keinen Zweck, ich war schon ganz durch gefroren. Meine Schritte lenkten mich zu einer Baracke, in der die Eisenbahner gewöhnlich frühstückten. Ich hoffte, dort jemanden anzutreffen, um mich zu erkundigen, ob das Warten wohl noch Sinn hatte. Ich drückte die Klinke herunter und – oh Wunder – die Tür war nicht verschlossen. Eine wohlige Wärme strömte mir entgegen. Ein Mann saß am Tisch und aß. Er bot mir einen Platz an und ich konnte meine durch gefrorenen Glieder aufwärmen. Ich fragte ihn, wie es mit der Ankunft von Güterzügen aussähe, ob es wohl noch Zweck hätte zu warten. Nein, sagte er mir, heute und über die Feiertage kämen keine Züge, ich könnte ruhig nach Hause gehen. Ich erschrak. Ich schilderte ihm meine Lage. Er hörte sich alles schweigend an, stand dann auf, nahm meinen Rucksack und ging in einen Nebenraum. Hoffnung keimte in mir auf. Sollte das erbetene Wunder doch noch geschehen? Und richtig! Nach einer Weile kam er zurück, übergab mir den Rucksack voll von Briketts mit den Worten:

„Am Heiligen Abend soll man niemand unbeschenkt gehen lassen.“

Ich war so gerührt, dass mir die Tränen in den Augen standen. Die Dankesworte überschlugen sich in meinem Mund. Ich war in diesem Augenblick der glücklichste Mensch. Es war das schönste Weihnachtsgeschenk.

Dass ich mit meinen Kindern nun doch ein frohes, wenn auch bescheidenes Weihnachtsfest feiern konnte, hatte mein Herz so mit Freude gefüllt, dass ich auf dem Heimweg die schwere Last auf meinem Rücken gar nicht spürte.

Viele Weihnachtsfeste hat es noch gegeben, aber das Weihnachstfest 1945 bleibt mir in steter Erinnerung.

Tschüss, Eure Mutsch

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